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Der Straßenverkehr

Als ich zum ersten Mal in Valencia/Spanien unser Mietauto durch den Verkehr gesteuert habe, dachte ich "schlimmer gehts nimmer". Dann kam Italien und wieder dachte ich "schlimmer gehts nimmer". Dann kam Griechenland, ich hätte begreifen sollen: es geht immer schlimmer.

Schwieriger Beitrag für mich. Wieso? Verrate ich am Ende.

In der Süddeutschen wurde mal geschrieben: Der Grundansatz eines deutschen Fahrers ist: Er bewegt sich in einem Meer von Idioten. In den Straßen von Beijing könnte dies tatsächlich stimmen.
Ich nenne den Verkehr eine Kombination aus Ignoranz und Unvermögen.
Was man hier auf der Straße erlebt, ist schlicht unglaublich. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll:
- Ich habe links abbiegen "in drei Zügen" schon mehrmals beobachtet.
- Ampeln sind noch nicht einmal als Empfehlung zu verstehen. Es ist eher einfach eine Ambient Beleuchtung.
- Linksabbieger haben Vorfahrt. Nicht wirklich; aber faktisch. Die Kreuzungen sind so riesig, dass egal wie man Gas gibt, der Linksabbieger immer früher durchkommt. Wäre ja ok, aber er zieht nicht durch, sondern stoppt direkt vor meinem Auto.
- Eigentlich sind die Regeln einfach. LKW vor Bus. Bus vor SUV. SUV vor Auto. Dann alle anderen Gefährte. Dann Radfahrer. Am Schluss Fussgänger.
- Verkehrsrichtungen? Auch nichts weiter als unverbindliche Tipps. Alles kann einem entgegen kommen, egal wo man fährt.
- Die Welt hinter mir existiert nicht. Das ist der China-Fahrer Ansatz. Ich glaube, frühere griechische Philosophen haben sich damit beschäftigt. Hier muss es noch schmerzhaft erfahren werden.
- Habe wirklich schon riesige LKWs ohne zu bremsen durch Kreuzungen auf rot donnern sehen.
- Die Straßen sind löchrig. Offene Kanaldeckel, aufgestellte Kanaldeckel. Ungesicherte Baustellen. Stahlrohre, die versteckt in einer Pflanze aus einem Loch kommen - mitten in der Fahrspur. Niemals bei Regen durch eine Pfütze fahren. Man könnte die Achse verlieren.
- Die einzige Richtung, in die ein Auto fahren kann ist vorwärts.
- WeChat ist wichtiger als ein Menschenleben.
- Fuer Fussgaender ist es immer aufs neue erstaunlich, dass die bereits wartenden Autos auf grün losfahren.
- Es ist erstaunlich, dass ein nach rechts blinkendes Auto, mit nach rechts gelenkten Rädern nach rechts fährt. (Ok, das ist wirklich erstaunlich, die schaffen es trotzdem nach links zu fahren)
- WeChat ist wichtiger als das eigene Leben.
- Prognosefähigkeit ist noch eine unentdeckte Kunst. Das betrifft auch andere Bereiche des Lebens.
- Die Hupe ist ein Gruß.
- Die Autobahn ist für alle da (und wie gesagt, in allen Richtungen).
- Jede Kurve unabhängig vom Radius ist gefährlich.
- Überholen ist ungefährlich.
- Was soll die Aufregung?
Zuletzt wollte ich nach einem langem Arbeitstag nach Hause in meine Parkgarage fahren. Die Einfahrtsspur ist durch einen Zaun abgegrenzt und dadurch eine Einbahnstraße. Eigentlich. Natürlich kommt mir ein Auto entgegen. Die Straße ist selbstredend sehr eng. Ich stoppe und signalisiere, dass der Andere zurückfahren soll. Da kommt meinem Opponenten die Idee: In die 20 cm Lücke zwischen meinem Auto und dem Zaun müsste doch sein Buick locker passen. Also los nach vorne. Kurz bevor er mir reinfuhr, habe ich doch (zu meiner eigenen Überraschung) nachgegeben.
Jeden Sonntag fahre ich mit meinem Fahrrad ca. 6 km entlang einer Hauptstraße zum Taiji Training. Ich bin schneller als die ganzen Mofas. Die verkeilen sich im Verkehr, weil sie kontinuierlich in ausweglose Situationen reinsteuern. Mit a bisserl Überblick kann man die alle abhängen. Echt easy.
Gina hat sich vorgenommen, noch bevor wir zurückkommen (in 1 Jahr, 10 Monaten) erfolgreich eine Umerziehung der Pekinger Fahrer abzuschließen. Das wird eine Challenge. Ich beobachte noch keinen Gradienten in diesem KPI.
Das Schlimme ist, man gewöhnt sich dran. Ich fahre mittlerweile ähnlich schlimm. Leider hat das in zwei Unfälle resultiert. Nur Blechschaden, aber nervig. Es ärgert mich, dass ich nicht ruhig bleiben kann. Beide Male war ich zu pushy. Hhmm.
Ich hoffe, wenn ich zurückkomme, kann ich mich wieder anpassen.
Gina hat sich nach alldem entschlossen, keinen Führerschein zu machen. 
Update: Vor LKWs kommen Panzer.

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Kommentare: 3
  • #1

    Heiner (Sonntag, 10 September 2017)

    Gibt's keine Polizei und entsprechende Strafzettel? Ich dachte es gibt sowas wie ein Punkte System? Oder ist das allen egal? In anderen Staaten auf anderen Kontinenten kann ich mir das ja vorstellen, aber in China?

  • #2

    Pavel (Samstag, 16 September 2017 12:30)

    Hallo Heiner,

    ja Polizei gibt es. Da die aber nie sicher ist ob ein Bonze drin sitzt kontrollieren sie nie. Punktesystem gibts auch. Man kann 12 Punkte einsammeln, danach muss man die Pruefungen neu Machen. Wobei je nach schwere des Delikts ist der Fuehrerschein fuer alle Zeiten weg. Z.B. kostet Alkohol am Steuer gleich 12 Punkte, aber jemand Umzufahren nur 7.
    Wie immer in China, kannst Du aber Punkte wegkaufen. Zuerst sind naemlich die Punkte am Auto. Auf der Polizeistation werden sie erst auf den Fahrer uebertragen. Der, der kommt ;-). Rest kann man sich vorstellen. Aktueller Kurs ist 300RMB pro Punkt.

  • #3

    Peter (Sonntag, 29 Oktober 2017 23:20)

    Bald wird's besser. Auf dem letzten Volkskongress wurde der totale Überwachungsstaat ausgerufen. Und dann wird jede Verfehlung geahndet. Übrigens: Dein Fahrstil war schon in Deutschland schlimm. Ich fürchte, jetzt kann man dich in Bayern gar nicht mehr auf die Strasse lassen.