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Wer hats verbockt?

Chinese culture. Häufig verwendete Ausrede resp. Angriff gegenüber Ausländern. Wo ist aber die Quelle des ganzen Schlamassels? 

Ein Artikel über Konfuzius mit einem kleinen Ausflug zu Mao.

Neulich hatte ich mal wieder eine „Chinese Experience“. Einmal pro Jahr mache ich ein "Face-to-Face" mit jedem meiner Mitarbeiter. Das Ziel ist ein Austausch über den aktuellen Status der persönlichen Entwicklung und natürlich auch Feedback ans Management. Ich erkläre, dass ich ein offenes Gespräch möchte und die Mitarbeiter sehen auch (denke ich), dass es was bringt und auch bei Kritik niemandem etwas geschieht.

Ich beende eines dieser Gespräche und gehe an meinen Rechner. Da lese ich eine E-Mail vom Gruppenleiter des Mitarbeiters, dass dieser soeben gekündigt hat. Zeitliche Koinzidenz. Im Gespräch hat dieser Mitarbeiter nichts erwähnt und auch sonst nichts Kritisches gesagt. Natürlich habe ich ihn gleich angesprochen und neues Gespräch angekündigt. Da meinte der Mitarbeiter: Ach so, wenn es ja nun klar ist, können wir auch offen sprechen. (Das Beste ist, im zweiten Gespräch hat er - der Mimik entnehmend - gelöst erzählt. Ehrlich gesagt nichts, was er auch vorher nicht hätte sagen können). Eine echte Lektion in "Chinese Culture" für mich.
 
Wo kommt so ein Verhalten her? Viele in Europa denken, die Partei und die 70er sind die Ursache. Hierarchisches, starres System, das mit Angst arbeitet. Ich denke, es ist genau umgekehrt: Nur weil in China sowas normal ist, kann sich ein solches System so lange halten.
 
Ich versuche mal eine Erklärung:
Mit Yun (Ihr wisst, meine Chinesischlehrerin) diskutiere ich ja viel auch ueber die Kultur und reflektiere auch solche Erlebnisse. Sie ist ja gebildet und liest viel. Konfuzius kennt sie ziemlich gut und verehrt ihn sogar bisschen. Zum Geburtstag hat sie mir eine Universitätsuebersetzung von Konfuzius' Analekten (in etwa: Gespräche oder Aussprüche) geschenkt.
Konfuzius lebte um ca 500 BC. Eigentlich stellte er mehr ein ethisches System auf als eine Religion - obwohl dies heutzutage schwer zu erkennen ist. Es gibt Konfuzius Tempel überall in China, und die Rituale, die drinnen praktiziert werden, erinnern teilweise an taoistische Tradition. Wenn man bedenkt, das sich der Konfuzianismus auch außerhalb von China (z.B. in Indochina) ausgebreitet hat, dürfte das eine der einflussreichsten Philosophien der Welt sein.
Was steht also in den Analekten?
Es gibt natürlich extrem viele. Es gibt Hauptbereiche wie: Familie, Politik, Kunst, Selbstdisziplin, Studium. Prinzipiell stehen da Beispiele und Kommentare vom Verhalten.
Das Wissen ist mehr als Frage (vom Lehrling, Prinz, Buerokrat) und Antwort (Konfuzius) dokumentiert.
Zum Beispiel: Der Lehrling fragt: “Meister, was denkst Du über das Verhalten vom Prinz Yue?” Konfuzius: “Kann nicht beurteilt werden.” (Im Sinne ein Mensch ist zu komplex um einfach so eine Meinung zu aeussern).
Oder als ausgesprochene Gedanken von Konfuzius: “Neulich versuchte ich die ganze Nacht, ein neues System der Moral aufzustellen und es brachte nichts. Es steht bereits alles geschrieben.”
(Konfuzius hat sogar selbst über sich gesagt, dass er nichts erfunden, sondern nur transformiert hat).
 
Ich habe das Gefuehl, dass er auch nach heutigen Massstaeben ein aufrechtes Leben angestrebt hat. Bildung und an sich selbst arbeiten, war ihm sehr wichtig. Z.B. hat er auch arme Studenten aufgenommen und unterrichtet. Laut mancher Texte hat er auch ein Dialog und Widerspruch geschaetzt. Wenn er zum Beispiel eine Inkoherenz zwischen seiner Ueberzeugung und der aktuellen Politik bemerkt hat, hat er zuerst versucht dies zu aendern oder ist (nach Misserfolg) weitergezogen. 
Auf der anderen Seite sind auch solche Sätze von ihm wie: “Einfache Leute sollten nur lernen, was zu tun ist und nicht wieso.” Oder: “Wenn Du mit dem Strom mitschwimmst, kommst Du hoch.” Oder: “Gib niemanden einen Grund, sich über Dich zu beschweren.”
 
Ziemlich widersprüchlich das Ganze. Ich denke, dies ist teilweise durch die vielen Interpretationen und Übersetzungen verursacht. Das Christentum und was die Kirchen daraus machen ähnelt dem Ganzen ein bisschen – da ist auch ein ziemliches Delta dazwischen.
In China gibt es noch ein Problem der Interpretation der Schriftzeichen über die Jahrhunderte.
 
Ein Beispiel: Konfuzius sagte: “Wer nicht an Gott glaubt, kann kein moralisches System aufstellen.”
Außer, dass ich mit diesem Satz aus tiefstem Herzen nicht einverstanden bin, ist er auch deswegen überraschend, weil in China auch früher kein ausgeprägter Glaube an Gott praktiziert wurde. Also habe ich Yun konsultiert. Sie stellte fest, dass im alten Text sowas wie “Wer die Natur nicht akzeptiert, kann in dieser nicht überleben” stand. Sprich, schon bei der Übersetzung von Chinesisch ins Chinesische passieren Fehler.
Zudem hat die Song Dynastie ca. 900-1300 AD Konfuzius' Lehre zur Festigung ihrer Macht missbraucht. Das heißt, genau sowas wie 'Gehorche der Hierarchie und frag nicht nach dem Grund‘ als Norm definiert.  Während der Song Dynastie hat China die Macht über die ursprünglichen Territorien verloren. Die Song haben versucht, wieder eine starke Einheit zu bilden und haben den Konfuzius missbraucht.
Der Mao hat eigentlich erkannt, dass der Konfuzianismus gleichzeitig auch Fesseln für jegliche Entwicklung und Fortschritt bedeutet und hat versucht, dies zu ändern. Allerdings mit bekanntlich schrecklichen Mitteln.
Was nach den 70ern passierte ist, dass zusätzlich auch noch ungebildete Schichten obenauf waren, die genau wieder Konfuzius aufgegriffen und noch weiter verbogen haben.
Letztes Beispiel: Ich habe mit Yun den Konfuziustempel in Peking besucht. Es war eine Chinesische Gruppe mit einem Tourguide anwesend. Laut Yun hat dieser gesagt: Der Konfuzius hat deswegen auch die Armen unterrichtet, damit diese reich werden. Bildung ist der Weg zum Reichtum.
 
Das stimmt so definitiv nicht. Konfuzius hat Bildung als Weg zum aufrechten und umsichtigen Verhalten gesehen.
 
Wenn man das ganze Buch der Analekte durchliest, erkennt man vieles heute noch. Nichts preisgeben oder offen ansprechen, der Hierarchiegehorsam, Wirken nur in eigener Hierarchie und nicht außerhalb. Nichts Hinterfragen, nichts verbessern. Vordergründig offen sein, in Wirklichkeit sich nur um sich selbst und die Familie kümmern. Chinese Culture. Sie basiert nicht auf Mao – sondern auf Konfuzius. Also 2000 Jahre – nicht 40–50 Jahre alt. Wer da auf eine rasche Änderung wg. der ganzen neuen Technik hofft, wird meiner Meinung nach enttäuscht werden. 
 
Wir haben vor kurzem Qufu (siehe auch China Road) besucht. Das ist der Geburts- und Ruheort von Konfuzius. Leider ist nichts erhalten aus der Zeit. Sind ja auch 2500 Jahre und damals hat man in China mit Holz gebaut. Aber es gibt Sehenswürdigkeiten aus der Song/Qing/Ming Dynastie. Zum Beispiel einen nachgebauten Pavillon, wo Konfuzius unterrichtet hat.
“Witziges” passiert um das Grabmal von Konfuzius. Es werden Studenten und Gruppen hingekarrt. Diese führen ein Ritual durch und legen Blumen hin, die man direkt davor kaufen kann. Die Gesamtmenge der Blumen im Shop und am Grabmal bleibt konstant. Dafür sorgt ein Bediensteter, der die Blumen wieder in den Shop bringt.
Da Yun ein grosser Fan von Kong Zi (Konfuzius) ist, habe ich ihr dort am Ort ein Buch gekauft. Mit eigens gemachter Kalligraphie hat sie dies zum Geburtstag bekommen. Sie war echt geruehrt und gluecklich.
Alles in Allem ist auch Konfuzius ein Philosoph der nach Warheit gesucht hat. Was aus seinen Ideen andere gemacht haben liegt nicht in seinen Haenden. Davon koennten Jesus, Nietsche und Hegel auch ein Lied singen.

Die zwei Kalligraphien sind von mir. Beides Zitate von Konfuzius:

“Was Du nicht von Dir forderst, fordere auch nicht von anderen.” und “Lerne von Erfahrenen”.
Das bunte Gebäude ist der Aprikosen Pavillon - der Ort, wo Konfuzius unterrichtet hat.  

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Kommentare: 1
  • #1

    Peter (Donnerstag, 30 August 2018 18:49)

    Pavel, du hast Glück, dass ich so viel Zeit habe. Habe mich durchgelesen und bin beeindruckt von Konfuzius und von dir. Aus dir ist ja ein kleiner Philosoph geworden. Da kann ich nicht mithalten.