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China Road

Manchmal gehen fixe Ideen doch auf. Einen dieser seltenen Fälle haben wir nun erlebt. Unser China Roadtrip.

Mit der Idee,  mit dem eigenen Auto alleine ohne Reservierungen durch China zu fahren, habe ich mich schon lange beschäftigt. Ein grober Plan wurde schon im ersten Jahr aufgestellt. Zeitplanung letztes Jahr. Die Firma kam immer dazwischen. Dieses Jahr auch wieder. Da wir es nicht mehr verzögern wollten - auch unsere Zeit in China geht bald zu Ende - haben wir es trotz Verschiebungen und Terminen durchgezogen.

Gina ist praktisch direkt aus dem Flieger aus Deutschland ins Auto gestiegen. Ich habe mich aus ein paar Workshops rausgezogen. Und im heißesten Monat, während Schulferien sind wir los.
Grober Plan: Bis runter nach Xi'An (Terrakotta Armee), weiter in die TaiJi Berge und über Konfuzius' Geburtststätte zurück. Über 3000 km und 10 Tage als Anfangsplan.
Yun hat sich eingeklinkt - so ist der erste Halt ihre Geburtststadt geworden. Berühmt fuer Steinschnitzerei und Kalligraphie. Mit einer Teezeremonie eröffnet, danach ein chinesisches Mittagessen  und mit Yuns Mutter in den Haupttempel. Yun hatte ein paar Freunde miteingeladen. Das war ein Chinese Nachmittag ;-). Wir haben ein Geschenk bekommen, das uns vor Rätsel gestellt hat. Was tun damit? Gibt es Freiwillige, die es vielleicht haben wollen? Sonst kommts mit zur nächsten Wichtelparty. (Ihr dürft raten, welches das ist. Foto mit allen sachlichen Errungenschaften der Reise folgt).
Das Staedtle ist ganz nett und der Tempel wirklich schoen.

Als nächstes stand Wu Tai Shan am Plan. Einer der fünf heiligen Berge. Dieser ist dem Bothisattwa der Weisheit gewidmet. In den Tempeln ist der Budhismus ueberall zu spüren. Es sind viele aktive Mönche anwesend. Die ganzen Tempel haben eine beruhigende und spirituelle Ausstrahlung. Der Ort selbst ist eher touristisch. Das kommt, glaube ich, haeufig vor. Lourdes koennte man wahrscheinlich als Beispiel heranziehen.

Nebentempel sind sogar teilweise leer. Das Ganze ist durch über 3000 m hohe Berge umrahmt. Toller Ort.

Weiter ging es nach Pingyao. Dies ist eine Stadt mit sehr gut erhaltenem alten Zentrum. Hier wurden Schuldschreiben erfunden. Die Historie geht bis 800 BC zurück. Die Hochzeit der Stadt ist aber so etwa zwischen 1600-1900 gewesen. Also mal wieder Ming und Qing Dynastie. 

Zwischen den ganzen Restaurants sind viele Museen, die das Leben aus eben dieser Zeit dokumentieren und darstellen. Buntes abwechslungreiches Gemisch. Spaß beim Flanieren garantiert.

Nun also zum gedanklichen Hauptziel der Reise - Xi'An. Das ursprüngliche Zentrum von China. Älteste  Ausgrabungen deuten auf eine Historie bis 6000 BC hin. Die Hauptattraktionen „Kleine“und„Große“ Terrakotta Armee sind aus der Han und Qin Dynastie - also ca 250 BC.

Xi'An war lange die Hauptstadt des chinesischen Imperiums und ist immer noch eine wichtige Stadt und Provinzhauptstadt. Mittlerweile ist hier ein starker muslimischer Einfluss warzunehmen - der auch ins 14. Jahrhundert zurückgeht.
Die Terrakotta Armee (also die „Große“) ist natürlich der Hauptmagnet von Xi'An. Es sind wahrlich Massen unterwegs, plus die Armee ist in einem riesigen treibhausähnlichen Gebäude untergebracht. Mit dem Ergebnis, dass dort saunaähnliches Klima herrscht. Es stellte sich augenblicklich (bei uns) das Gefühl ein: Ich muss hier raus. Das nimmt dem Ganzen einiges an Würde und Charme - die aber die Stätte verdient. Die Ausmaße sind gewaltig. Der Detailreichtum jeder einzelnen Statue ist überwältigend. Man hat wirklich den Eindruck, die Armee ist einfach versteinert. 
Die kleine Armee - eigentlich die Grabstätte von General Jingding - ist der Gegenentwurf. Intim und würdevoll, man kann sich mit den Exponaten beschäftigen - für jeden Besucher ein Muss.
Die Stadt ist quirlig, die Foodstreet überquellend (von Food und Menschen).
Aber es gibt auch ruhige Ecken - wie die Kalligraphie Geschäftstraße - in die wir besser nicht reingegangen wären. Ist teuer geworden ;-).
Zufällig haben wir am Abend dann noch eine Bierbar gefunden, die gerade eröffnet hatte. Die Leute waren super nett. Und der Hamburger der Hammer - wie auch das Bier (chinesische und englische Ales).
Wir haben noch die Stadtmauer und die kleine und grosse Wildgans Pagode sowie die alte Moschee besucht.
Es lohnt sich definitiv, den Fokus nicht nur auf die Terrakotta Armee zu legen.

Nach dem Trubel der Stadt nun was Ruhiges. Die Entscheidung zwischen Shaolin und Wu Dang Shan fiel zugunsten von Wu Dang Shan aus. In Shaolin geht es mittlerweile sehr touristisch zu. Ich habe Fotos gesehen - die erinnerten an Disneyland. Und in Wu Dang Shan ist Tai Ji (Tai Chi) geboren worden. Die Entscheidung war also nicht so schwer.

Gottseidank haben wir die Reise auf den nächsten Tag verlegt. Es hat sich im Nachhinein herausgestellt, dass fast die ganzen 450 km trotz Autobahn nur mit 80 km/h gefahren werden dürfen und dass man mit dem eigenem Wagen gar nicht hochfahren kann. Man muss zentrale Busse nehmen und die machen um 18:00 Schluss.
Das sind die Vorteile eines nicht durchgebuchten Roadtrips.
Wu Dang Shan hat sich als ein Kleinod entpuppt. Ruhig, wenig Menschen. Schöne Tempel und ein malerisches Teehaus am See. Und das Beste: Ich konnte in dem Tempel (Purple Cloud), wo vermutlich TaiJi entstanden ist, ein Training mit der dort aktiven TaiJi Schule machen. Die haben leider einen anderen Stil (echt filmreife Figuren), also habe ich eine Beginner Einzelstunde bekommen. 
Tolle Erfahrung!

Nun galt es wieder, irgendwie nach Peking zu finden. Luoyang mit den Longmen (Drachen Tor) Grotten liegt da günstig. Luoyang war auch mal die Hauptstadt von China. Viel ist nicht geblieben, aber die Grotten mit riesigen Buddha Statuen sind wirklich der Wahnsinn. Am Fluss gelegen - wunderschön.

Am Abend sind wir mit ein bisschen Streetfood und Bier in der Hand in den Stadtpark gegangen. Wir waren die Attraktion schlechthin. Wir wurden in Gespräche verwickelt und gefragt, ob Deutschland oder China besser sind. Was wir so tun und wieso wir uns dorthin verwirrt haben. (Ja, mein Chinesisch hat einen Sprung gemacht.) Die Streetfoodverkäufer waren beeindruckt von unseren Kenntnissen der chinesischen Snacks und als ich mit WeChat bezahlt habe, sind sie fast umgefallen. Schon lustig, wenn man als Ausländer in der Pampa landet. Wobei diese Pampa die zweitgrösste Stadt Deutschlands wäre.

Letzte Station Qufu. Die Geburtstadt und Ruhestätte von Konfuzius.

Man merkt, wie wichtig der Konfuzius den Chinesen immer noch ist. Es sind viele Schulgruppen und auch Erwachsenentouren unterwegs. Alles konzentriert sich auf das alte Anwesen, den Tempel und das Grab von Konfuzius. Wobei man sagen muss, aus der Zeit wo er gelebt hat, gibt es nur noch ein paar stark verwitterte Steintafeln. Das Meiste, was man sieht stammt aus der Ming/Qing Zeit, ist also verhältnismäßig neu. Dennoch interessant. Konfuzius wird hier eigentlich ähnlich einer taoistischen Gottheit verehrt. Die Kinder schwören , dass sie gute Schüler werden. Die Studenten bitten um Hilfe bei den Prüfungen.
Vor dem Hotel hat ein Rikschafahrer gewartet. Den haben wir genommen, um der Sonne zu entkommen und den Weg zu verkürzen. Wir haben geredet, wobei ich leider doch nicht alles verstanden habe. Deswegen sind wir am Grab und nicht im Tempel gelandet. Ziemlich weit draußen. Später hat sich herausgestellt, dass es so besser war. Der Tempel ist definitiv das Highlight und somit hatten wir das Beste zum Schluss gehabt.

Wie ist das Reisen durch China so? 

Überraschend smooth & easy. Außerhalb Pekings sind die Autobahnen frei und gut ausgebaut. Die Landstraßen sind da ne andere Nummer. Mal mittendrinn gesperrt oder so voll, dass man durch den Matsch fahren muss.
Die Hotels hatten immer freie Zimmer - wir hatten überwiegend nichts reserviert. Meistens sind wir in Boutique Hotels gegangen. Es waren schöne Zimmer und das Personal war meist nett.
Chinesisch sprechen zu können macht das Reisen definitiv leichter. Ich denke aber, auch ohne wäre es gegangen. Die Leute außerhalb Pekings sind offener und hilfsbereiter.
Als Ausländer in China ist man immer noch eine Ausnahmeerscheinung. Man wird häufig angesprochen und heimlich oder auch offen fotografiert. Einmal hatte eine Frau Gina einfach am Arm gepackt und zu sich gezogen. Foto, fertig, darfst wieder gehen.
So wars aber selten. Meist fragen die Leute.
Die Chinesen sind kontaktfreudig und sie wollen sich unterhalten. Wenn man dann sogar ein paar Brocken mitreden kann, sind sie happy. Denken dann leider aber auch, dass ein normales Gespräch im normalen Tempo läuft, aber es geht irgendwie. 
Mein Chinesisch erlaubt nun sogar ein bisschen small talk. Und ich kriege mit, was so drumherum passiert. Ein Mal im vollen Restaurant hat ein neuer Gast nach Platz gefragt. Die Kellnerin meinte zu ihm: Aktuell kein Platz, aber die zwei Ausländer gehen ja bald. Wobei wir noch mitten beim Essen waren. Ich habs mitgekriegt und die Leute herum haben mitgekriegt, dass ichs verstanden hatte. Das hat zu allgemeiner Belustigung geführt.
Das Essen: Wie immer ein Highlight. Egal ob gehoben, normal oder auf der Straße - immer lecker.
Die Preise für die Hotels haben europäisches Niveau. Die Autobahnmaut ist heftig und die Entritte ebenfalls. Da haben wir für beides locker 500 Eur ausgegeben. Am heftigsten war die (die von Österreichern gebaute) Seilbahn am Wudangschan 60 EUR - immerhin für beide Richtungen rauf und runter.
Das Abendessen kostete zwischen 7 EUR inkl. Bier auf der Straße bis 100 Eur im gehobenem China Restaurant (jeweils für uns zwei).
Wir haben insgesamt sieben Provinzen besucht und wirklich viel erlebt.
Eine fixe Idee - die aufging.

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Kommentare: 3
  • #1

    Peter (Donnerstag, 30 August 2018 18:37)

    Wow, das war ein langer Reisebericht. Aber sehr interessant. Ich glaube, das hat sogar der Gina gefallen. Sie sieht jedenfalls sehr entspannt aus. Und ihre Kleider (und sie darin) machen die Orte zu Highlights.

  • #2

    Sandra (Freitag, 31 August 2018 09:52)

    Ganz ganz tolle Eindrücke! Und zumindest bei der Terrakotta Armee können wir komplett mitfühlen...

  • #3

    Heiner (Montag, 03 September 2018 13:34)

    Ich kann Peter nur zustimmen - ein super Bericht von einer tollen Reise, die euch sicher noch lange in Erinnerung bleibt..........und Gina: Du siehst so perfekt und glücklich auf den Bildern aus, dass ihr eigentlich nochmal drei Jahre dran hängen müsstet.............oder ist das schon die heimlich Vorfreude an den Abschied.........?????? Auf jeden Fall danke für den Bericht. Wenn man mal in Peking war, dann liest man alles auch nochmal in einem anderen Licht.....