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Zweite China Road

Am Dach der Welt (nahezu)


Gina und ich "drehen" dieses Jahr mit den China Reisen nochmal richtig auf. Diesmal war der Westen dran. Gansu, Qinghai und Tibet.

 

Gansu ist berühmt für die karge wüstenartige Landschaft. Die Gobi z.B. fängt nahe Dunhuang an, was unser erster Halt war. Wir haben uns ganze zwei Meter reingewagt. Mehr ging nicht - weil abgesperrt, aber auch wenn man nur davor steht, flößt die Gobi schon Respekt ein. Wir haben uns auch den Natursteinpark Yardan angeschaut. Abends entsteht eine besondere Stimmung, trotz vieler anderer Touristen. Es verläuft sich dann doch. Ich kann mich nicht erinnern, wann wir zuletzt den Sonnenuntergang so frei und in voller Länge beobachten konnten. Über dem Meer gibts doch immer Dunst und die Sonne verschwindet früher. Im Yardan Park - da es auch Wüste ist - kann man buchstäblich den letzten Sonnenstrahl sehen. Einer hat gerufen ‚Zai jian‘ ‚再见‘ was soviel bedeutet wie ‚Bis Bald‘; war irgendwie auf nette Weise lustig. Die Chinesen haben doch auch eine witzige Ader.

Durch Gansu führte auch ein grosser Teil der Seidenstraße. Daher sind auf dem Wege viele Städte und religiöse (sprich buddhistische) Orte verstreut. Wir konnten die Mogao Grotten besichtigen. Diese sind noch sehr gut erhalten, obwohl auch schon über 1500-2000 Jahre alt. Das trockene Klima und die Verwendung von mineralischen Farben haben sogar auch die Malereien konserviert. Manche Höhlen wurden zwar von den Qings (mal wieder) auch schon restauriert, aber darüber wurde man unterrichtet. Unser Guide hat allen Ernstes gesagt: "Diese Statue wurde durch die Qings restauriert - deswegen befassen wir uns damit nicht. Nun zur richtigen Pracht, unsere Song Dynasty Statue ist hier ..."

Aber ich verstehe es. Auch wir verspüren mittlerweile gewisse Ermüdungserscheinungen durch Ming und Qing. Die sind irgendwie allgegenwärtig und gleich aussehend (rote Mauer + gelbe Dachziegel). Außerdem datiert Ming 1368-1644 und Qing 1644-1911, also auch nicht wirklich alt. Wir schwärmen ja auch nicht über jede gotische Kirche in Europa. 

Um Yardan sieht man verstreut kleine zerfallene Türme, die wohl die Basis der ersten Mauer oder eher Schutztürme und Steuererhebungsorte der Seidenstraße waren.

 

Weiter ging es nach Jiayuguan. Offiziell DIE erste Festung der Mauer. Also der Anfang der Großen Mauer, weil sie früher kontinuierlich bis hierhin verlief. Verstoßene aus dem zivilisierten Reich der Mitte wurden durch das erste Tor „Das erste und größte Tor unterm Himmel“ in die Verbannung (also buchstäblich in die Wüste) geschickt. Wir wissen nun, woher die Kommunisten in China den Hang zur Übertreibung mit der Namensgebung haben.

Die Festung wurde 1495 erbaut - mal wieder von Ming. Soviel zu den laut mancher Quellen zweitausend Jahren der Mauergeschichte.

 

Als nächstes ein echtes Geologiewunder. Zhangye Danxia Canyon ist berühmt für seine farbigen Berge. Ich dachte vorher, die Fotos im Internet sind gefälscht. Aber ich muss sagen, man kann die Farben tatsächlich so sehen. Auch meine Fotos sind nicht extra bearbeitet. Zum Highlight von Zhangye gehörte für uns der Nebencanyon Binggou Danxia. Ein Paradies. Keine Menschen, überwältigende Natur und man konnte sich ziemlich frei bewegen - eine Seltenheit in Chinas Parks (Details bald).

In Zhangye hat Gina ein Mongolenzelt zur Übernachtung reserviert. Ein Abenteuer! Die Dinger sind ja total windig gebaut. Da pfeifts ordentlich durch. Und im Herbst weht durch Gansu bereits eine steife Nordbrise. Glücklicherweise gabs doch eine Heizdecke und sogar einen elektrischen Ofen. Leider ist in der ersten Nacht irgendwann der Strom ausgefallen. Man kann sich natürlich aneinander kuscheln, was bei 6 Grad leider nur bedingt was bringt, trotzdem eine nette Gelegenheit. Die Zelte sehen echt süß aus.

Vorletzter Halt war Xining, die Hauptstadt von Qinghai. Qinghai ist sozusagen das Vorplateau zu Tibet. Xining ist bereits auf 2400m und der Qinghai See auf 3200m. Der höchste Salzsee Chinas und zudem riesig. Nah dran ist der Sun Moon Pass - auch hierdurch ist früher die Seidenstraße gegangen. Der ist 3400m hoch. Gina ist auch mit hochgegangen. Damit war Gina höher angekommen als so mancher Hobby Alpinist in München. Bitte in den Comments loben!

Im Internet wird auch der Kanbula Park sehr gerühmt. Wir haben es leider anders erlebt. Aus den Berichten und der Karte habe ich entnommen, man könne schön wandern. Das ganze Gebiet erstreckt sich über dem Yellow River Damm, so dass der Ausblick immer wunderbar sein dürfte. Ich hätte skeptisch werden sollen, als es am Eingang hieß: Ticket für Eintritt, Bus und Boot müssen zusammen gekauft werden. Das Ganze hat sich als "chinesisches Wandern" herausgestellt. Man wurde vom parkeigenem Bus von Station zu Station gefahren. Vor Ort gabs dann 10-30 min. Pause, je nachdem. Die Chinesen stürmten in Lackschuhen und Highheels raus und machten Fotos; dann zurück zum Bus. Nächster Stop - ein Déjà Vu. Man musste bei seinem Bus bleiben, was ja kein Problem war, da es eh keine Wanderwege gab. Ich dachte, ich kann Karten lesen, aber es gab wirklich keine begehbaren Wege! Wahrscheinlich wurde dies vor kurzem geändert und keiner hat sich die Mühe gemacht, die Unterlagen zu aktualisieren. Die überraschte Miene der Ticketverkäuferin, als ich nach einer Karte gefragt habe, hätte ich besser deuten sollen. Lessons learnt. Nach 4 Stunden Kaffeefahrt inklusive Boot war dann der Spuk vorbei. Gina hat sich irgendwann mal dem Ganzen ergeben (ja, echt) und hat ein paar schöne Bilder gemacht. Ich habe mich die ganze Zeit nicht eingekriegt und habe meine echte Kamera noch nicht mal ausgepackt.

Entschädigung war das Kumbum oder auch Ta'er genannte Kloster. Eine buddhistische Anlage riesiger Ausmaße mit aktivem buddhistischen Unterricht. Wir konnten sogar den Disput der Mönche beobachten. Es waren auch die Butterfiguren zu besichtigen - sehr kitschig aber interessant. Trotzdem stellt sich auch hier die Frage nach dem riesigen Unterschied zwischen der Idee einer Religion und der praktischen Ausübung. An diesem Ort gibt es auch viel Prunk (goldene Statuen und Dächer) und Aberglaube - jede noch so kleine Statue wird verehrt. Egal ob ein Tier, Buddha oder Bodhisattva (sowas wie ein Heiliger). Und überall sollte man Geld einwerfen. Ja, auch ein Mönch muss von was leben.

Die Stadt Xining war eine unerwartete Überraschung. Mit ca. 2 Mio. Einwohnern in China eigentlich eher ein Dorf, aber im Hotel und auch in den Restaurants konnten alle englisch. Nach einer Woche mit nur chinesischem Essen (sogar auch Frühstück) waren wir doch froh, einen Italiener gefunden zu haben. Obwohl der Koch ein Chinese war, ist die Küche sehr authentisch gewesen. Wir sind sogar zwei Mal hin. 

Nächster halt war Lhasa, 3600m hoch gelegen. Das Zentrum des Tibetischen Buddhismus.  Dieser gehört zu der Yellow Hats (gelbe Hüte) Sekte und diese wiederum entspringt dem Tantrischen Buddhismus. Wer gleich an Tantrisches Yoga denkt, liegt zwar richtig (entsprechende Bilder gab es sogar auch im Potala und auch im Jokhang Temple), aber es gibt mehr als das. Grundsätzlich ist es wohl so, dass nach den Zeiten des Askethismus eine lebensnahere Interpretation der Lehre vonnöten war. Im Tantrischen Buddhismus hat man mehr Freiheiten und sogar auch böse sein gehört zum Weg ins Nirvana. Der Weg dauert wohl nur länger. Nichts ist umsonst. Wer schneller hin will, kann zu den "Red Hats" gehen. Aber Vorsicht - ein Vergehen und man ist für immer verloren.

Das ganze System ist recht verwoben (verworren?) und es ist schwer durchzusteigen. Die Fähigkeit von Chinesen (und offensichtlich auch Tibetern) Widersprüche ohne weiteres auszuhalten, trägt nicht zur Klärung bei. Die Sprachbarriere tut das Übrige. Beispiel: Der Jokhang Temple ist wohl der wichtigste für die tibetischen Buddhisten - nicht der Potala. Der Grund: Hier befindet sich eine Statue von Buddha, die er selbst eingeweiht haben soll. Meine Frage: Eine Reinkarnation von Buddha? (für meine faktenbasierte Natur schon ein Entgegenkommen und sich einlassen auf den Buddhismus) Antwort: Nein, wieso? Ich weiter: Der Tempel ist doch 700AD aufgebaut, oder? Antwort: Ja? Ich fast an mir schon zweifelnd: Buddha lebte doch 500 BCE. Jaja. Nach kurzem Zählen wurde noch nachgeschoben - die Statue ist wohl aus Indien gebracht worden. Alles klar. Das die nicht besonders alt aussah, versteht sich von selbst. Wir waren ja in Mugao und sahen 1500 Jahre alte Buddha Statuen. 

Um den Tempel herum kreist eine alte Straße. Auf dieser wird nur im Uhrzeigesinn gegangen - wie in buddhistischen Tempeln. Man befindet sich in einem Strom von betenden Menschen. Manche führen sogar eine Art Ritual durch: Stehen - auf den Bauch hinlegen (auf den Straßenboden!) - Arme zusammenschlagen und über den Kopf heben - wieder aufstehen - drei Schritte - das Ganze von vorn. So wird der Tempel umrundet - ich schätze die Strecke auf locker 1 km. Was im Verhältnis wohl noch nicht mal viel ist. Am Qinghai See haben wir zwei Mönche auf der Straße dieses Ritual durchführen sehen. Der See (natürlich auch heilig) war noch nicht mal zu sehen, auch kein Tempel.

Natürlich haben wir versucht, auch mehr über die aktuelle Lage der Tibetaner zu erfahren. Das Gespräch mit unserem Guide war aber in diese Richtung nicht wirklich fruchtbar. Außer, dass es wirklich kompliziert und auch irgendwie traurig ist, war nicht mehr zu erfahren. Ich glaube, er hat sich nicht wirklich getraut, Einblicke zu gewähren. Aus Wikipedia habe ich gelernt, dass es neben Dalai Lama auch den Panchi Lama gibt. Diese stehen in einem Lehrer-Lehrling-Verhältnis zueinander. Die Reinkarnationen von Panchi Lama haben später angefangen. Es gibt aktuell den 14ten Dalai Lama und den 11ten Panchi Lama. Speziell der 10te Panchi Lama hat wohl, im der Mitte des letzten Jahrhunderts, einen eher Kooperativen Weg mit China beschreitet. Daher sind seine Bilder nun überall zu sehen, weil man dies wohl darf. Der 14te Dalai Lama ist ja in China eine Persona Non Grata. Der Dalai Lama hat eine 11te Reinkarnation von Panchi Lama identifiziert. Aber dieser Panchi Lama ist verschwunden. Der „neue“ 11te Panchi Lama, von der Regieurung eingesetzt, wird von den Gläubigen wiederum nicht akzeptiert. So sind die Tibetaner nun alleine ohne eine präsente spirituelle Führung. Traurig.

 

Nach den unzähligen Deities und Buddha Statuen (es gibt wirklich viele) sind wir dann im Sera Kloster gelandet. Dieses Kloster ist vor allem durch die Debatten der Mönche bekannt. Diese sind sehr aktiv und durch expressive Bewegungen begleitet. Der Fragende steht, der Antwortende sitzt am Boden. Die Frage wird durch ein fast Anspringen und in die Hände klatschen begleitet. Die Antwort wird entweder durch ein Kreisen des Rosenkranzes um den Kopf (wenn die Antwort richtig war) oder durch ein Klatschen mit dem Handrücken (wenn falsche Antwort) quittiert. Irgendwann verfällt das Gespräch in einen regelrechten Disput, wo mancher Antwortgebende auch anfängt zu gestikulieren. Da zusammen fast 100 Mönche in einem kleinen Hof diese Diskussionen führen, wirds nach und nach recht laut. Und ich meine: Worüber lässt sich vortrefflicher und endlos diskutieren, als über den Glauben. Was ist wohl die richtige Antwort auf die Frage: Wie viele Buddhas gibt es?

 

Auf jeden Fall kennen wir uns nun mit einigen Buddhas aus. Dem nächsten Besucher können wir nun locker einen: Kraft-, Weisheits-, Langlebigen-, Mitfühlenden-, Aktuellen-,  Vergangenen- und Zukunfts-Buddha identifizieren. Und natürlich auch den Shakyamuni, also DEN Buddha himself. Nur fragt uns bitte nicht nach dem Sinn - wir waren nur ca. 1 Stunde bei der Debatte anwesend und es war so laut.

 

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Kommentare: 6
  • #1

    Heiner (Dienstag, 23 Oktober 2018 22:42)

    Regina, der erste Kommentar geht natürlich an dich: du warst mit 3400m schon höher droben als ich, Applaus!

  • #2

    Heiner (Dienstag, 23 Oktober 2018 22:44)

    Pavel, der zweite geht an dich: neben einem chinesischen Restaurant kannst du auch gleich noch ein chinesisches Reisebüro aufmachen, Klientel identisch....

    Die Geologie ist wirklich beeindruckend, aber so ist die Erde halt...

  • #3

    Heiner (Dienstag, 23 Oktober 2018 22:46)

    Der dritte Kommentar geht wieder an Regina: du schaffst es immer wieder perfekt deine Kleidung an die Umgebung anzupassen.....

  • #4

    Peter (Mittwoch, 02 Januar 2019 19:49)

    Damit Pavel nicht frustriert ist über die kleine Fangemeinde, die seine aufschlussreichen Beiträge über Essen, Kultur, Politik, Religion, Geologie und Geographie liest, will ich mich doch auch hier verewigen.
    Mit der Religion scheint es etwas verwirrend zu sein, erinnert mich ein bißchen an meinen katholischen Hintergrund. Man kann es glauben oder auch nicht. Aber man sieht, dass du dich intensiv mit der Materie befasst hast.
    Und die Bilder sind eindrucksvoll. War wohl auch schon kalt dort oben?

  • #5

    Pavel (Samstag, 05 Januar 2019 04:31)

    Ja im Grunde befriedigt wohl jede Religion ähnliche Menschlichen Bedarfe, daher gleichen sich im Kern viele.
    In der Pubertät bin ich weniger den Mädchen als Büchern über Religion und Philosophie nachgerannt. Das kann ich hier in China gut nutzen.
    Lhasa selbst liegt in einer Art Senke, dadurch gibt es da ein Mikroklima. Es war, trotz Oktober, ziemlich warm. Tagsüber hat häufig ein T-Shirt gereicht. Abends eine Softshelljacke.

  • #6

    Sandra (Dienstag, 12 Februar 2019 11:52)

    Liebe Gina, Hut ab vor deinen erklommenen Höhenmetern... aber Robbi wird seine Lästerschwester vermissen!
    Sehr sehr schöne Bilder, wirklich eindrucksvoll!